Über den (Un)Sinn vom Helfen wollen

Von „Wieso tust du das?!?“ bis „Wow, das ist extrem bewundernswert was du da tust“ waren alle Reaktionen mit dabei, wenn ich Leuten erzählte, dass ich in Tansania freiwillige Arbeit leisten wollte. Ja, hinter dem Thema Unterstützung von Entwicklungshilfe steckte definitiv mehr, als gedacht.

 

Die Frage nach dem Sinn

Es braucht nicht immer für alles einen Grund. Denn egal ob Sinn oder Unsinn, man macht aus allem seine Erfahrungen, welche eigentlich Grund genug wären. Doch beim Thema Volunteering und Entwicklungshilfe scheint es mir extrem wichtig, sich Gedanken über den Sinn zu machen.

Leider wurde mir in Tansania all zu sehr bewusst, dass oftmals gut gemeinte „Entwicklungshilfe“ nur wenig bis nichts zur Entwicklung beiträgt, sondern eine bestimmte Zeit für mehr Wohlbefinden sorgt und längerfristig gesehen sogar einen Rückschritt für die betroffene Bevölkerungsgruppe darstellen kann. Denn nicht gut durchdachte Entwicklungshilfe endet oft in der Abhängigkeit und einer Art von Regression der unterstützten Menschen. An dieser Stelle möchte ich nochmals die Artikel „Das Mädchen mit den Fliegen im Gesicht“ und „Tansania, eine kulturelle Herausforderung“, welche ich bereits veröffentlicht habe, erwähnen. Entwicklung muss auch in den Köpfen der Einheimischen stattfinden.

Es reicht nicht, die Lebensumstände in einer Kultur, in der die Menschen völlig anders ticken als in der unseren, verändern zu wollen. Dies bedeutet dann nämlich nur, viel Geld, Zeit und Energie zu verschwenden, um sich dann gut zu fühlen, da man ja etwas Gutes für die „Armen“ und „Mittellosen“ getan hat. Die Bevölkerungsgruppen, welche auf echte Hilfe angewiesen wären, gehen dabei leer aus. Im Bereich Entwicklungshilfe gibt es für mich daher nur eine echte Hilfe, nämlich die „Hilfe zur Selbsthilfe“.

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Manchmal mussten wir eng zusammenrücken

 

Als Volunteer ein Entwicklungsprojekt unterstützen

Immer wieder höre und lese ich, dass Leute einen Volunteer-Einsatz in einem Entwicklungsprojekt machen wollen. Das finde ich super. Kaum ein Projekt würde ohne freiwillige Arbeit umsetzbar sein.

Doch oftmals scheinen mir diese Aussagen von den Gewillten zu leicht über die Lippen zu gehen. Denn bei einem Volunteer-Einsatz geht es nicht nur um’s Helfen wollen und Gutes tun. Man muss auch Verantwortung übernehmen, (schwierige) Entscheidungen treffen, sich mit Gewissenskonflikten auseinandersetzen, seine gute Menschenkenntnis unter Beweis stellen, Offenheit und Toleranz für eine andere Kultur mitbringen und dabei die Freude an der Arbeit, die man macht, nicht verlieren.

Deshalb ist es wichtig, dass man sich gut überlegt, welches Projekt man unterstützen möchte und ob man überhaupt die richtige Person ist, um bei dem Projekt als Volunteer mitzuarbeiten. Ansonsten wäre eine Geldspende oder das zur Verfügung stellen von anderen Mitteln möglicherweise hilfreicher.

Folgende Fragen erscheinen mir nützlich bei der Entscheidung, sich als Volunteer für ein bestimmtes Projekt zur Verfügung zu stellen:

  • Wieso möchte ich überhaupt das Hilfsprojekt als Volunteer unterstützen? Was sind meine Erwartungen und Ziele?
  • Welche beruflichen und privaten Kompetenzen kann ich vorweisen? Welche Kompetenzen sind beim betreffenden Hilfsprojekt gefragt? Inwieweit kann ich meine Kompetenzen in das Hilfsprojekt einfliessen lassen?
  • Welche sozialen Kompetenzen bringe ich mit? Wie teamfähig bin ich? Kann ich auf andere Menschen eingehen? Bin ich in der Lage, andere Menschen zu unterrichten, ihnen etwas zu zeigen und zu zutrauen, kann ich sie in ihrer Selbständigkeit fördern?
  • Was sind meine Schwächen?
  • Weshalb bin gerade ich die richtige Person, um als Volunteer beim Projekt zu arbeiten? Könnte diese Arbeit nicht von einer einheimischen Person übernommen werden? Was wäre anders, wenn eine einheimische Person diese Arbeit machen würde?

Auch das Finden eines passenden Projektes kann eine Herausforderung sein. Am einfachsten ist es wohl, wenn man durch Freunde oder Bekannte, welche bereits Erfahrungen als Volunteer gemacht haben, an eine Organisation gerät. Oder man hat bereits als Spender über eine bestimmte Zeit eine Organisation unterstützt und kann gleich mit eigenen Augen sehen, was aus dem gespendeten Geld gemacht wurde. So bin ich auf alle Fälle zu zwei tollen Projekten gestossen.

Ein seriöses Entwicklungsprojekt, welches freiwillige Arbeiter sucht, hat für mich ein Bewerbungsverfahren. Dazu gehört für mich eine schriftliche Bewerbung und ein Bewerbungsgespräch. Nur so kann geprüft werden, ob man die richtige Person für das Projekt ist. Die Arbeit als Volunteer muss als richtiger Job betrachtet werden, mit dem Unterschied, dass man dafür statt Geld, ganz viele Erfahrungen erhält. Auch möchte ich anmerken, dass Freiwilligenarbeit in einem Kinderheim nur dann wirklich etwas bringt, wenn man sich für mindestens 3 Monate verpflichtet. Besser wäre eine längere Zeit.

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Ein Snack zwischendurch

Sobald man sich über „Vermittlungen“ in ein Projekt „einkaufen“ kann/muss, stelle ich die Seriosität der ganzen Sache in Frage. Dies bedeutet dann vielleicht, dass du die falsche Person für die Arbeit bis, aber solange du das Geld bringst, kannst du kommen. In Afrika gibt es von einheimischen geführte Kinderheime, die so finanziert werden. Kinder werden den Eltern mit dem Versprechen einer guten Schulbildung „entwendet“ und naive Volunteere können dann mit den vermeintlichen Waisenkindern spielen, nachdem sie einen bestimmten Geldbetrag an die Organisation bezahlt haben. Meistens zahlen die Eltern der Kinder auch noch einen Betrag in der Hoffnung, ihre Kinder erhalten dadurch ein besseres Leben. Natürlich bereichern sich die Verwalter der Organisation dabei an den Geldern. Zu den Kindern kommt nur soviel wie gerade nötig ist, damit es den Volunteeren noch Spass macht, mit den Kindern zu spielen. Es ist traurig, aber wahr.

  

Der Sinn meines Volunteer-Einsatzes

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was denn nun mein Volunteer-Einsatz gebracht hat.

 

Für mich:

Der Satz „Is this really happening“, hörte ich des Öfteren aus meinem Mund. Ich befand mich während meiner Zeit in Tansania immer wieder in Situationen, in denen ich kaum glauben konnte, dass das Geschehene auch tatsächlich gerade passiert war. Überraschungen und neue Abenteuer gab es immer wieder. Diese brachten natürlich viele Erfahrungen und Erlebnisse mit sich, die ich nicht mehr missen möchte. Der Einblick in das Buschspital war unglaublich spannend und die Zeit mit den Kindern im Kinderheim werde ich immer im Herzen behalten. Ja, die Kinder haben mich wirklich berührt und mir so viele Freude und Glück bereitet, dass die schwierigen Momente beinahe schon bedeutungslos sind. Aber natürlich kam ich während der Zeit in Tansania auch immer wieder an meine Grenzen. Diese Grenzerfahrungen wiederum trugen ihren Teil zu meiner persönlichen Entwicklung bei und machten mich als Person stärker.

 

Für das Buschspital:

Mein 2-wöchiger Aufenthalt im Buschspital an sich brachte für die Angestellten und die Patienten nicht viel. Der Grund meines Aufenthaltes im Buschspital war es, aus eigenem Interesse einen Einblick zu erhalten und einen Beitrag auf meinem Blog darüber zu schreiben. Schliesslich sammelte mein Dorf bereits zum zweiten Mal Spenden für dieses Buschspital und ich dachte mir, etwas Werbung würde bei der Spendenaktion bestimmt nicht schaden. Die Arbeit, die ich dort machte, hätte aber auch eine einheimische Krankenschwester übernehmen können.

 

Für die Kinder vom Kinderheim:

Und schliesslich wäre noch zu hinterfragen, welchen Nutzen die Kinder von meiner freiwilligen Arbeit im Kinderheim hatten. Einen Schwerpunkt setzte ich auf das Lernen. Es waren grosse Weihnachtsferien und ich hatte Zeit, um mit den Kindern Schulstoff aufzuarbeiten. Vom Zahlen 1-12 lernen mit den Kleinsten bis zu Multiplikation und Division mit den älteren Primarschülern, war das ganze Programm mit dabei. Bei den Sekundarschülern wurde das Unterrichten und Erklären für mich in den meisten Fächern unmöglich. So konzipierte ich Lerngruppen und die Sekundarschüler halfen sich gegenseitig. Ein weiterer Vorteil für die Kinder war, dass sie mit mir Englisch sprechen mussten. Ich verbrachte viel Zeit mit den Kindern und schaffte es, ein gutes Vertrauensverhältnis aufzubauen. So trauten sich auch die schüchternen Kinder, mit mir Englisch zu sprechen. Wir lasen gemeinsam englische Bücher und ich gab den Kindern Aufgaben, um auf Englisch zu schreiben. In punkto Lernen ist es natürlich leicht, einzuschätzen, ob die Kinder daraus nutzen gezogen haben. Die Fortschritte waren offensichtlich.

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Kinder waschen ihre Kleidung

Natürlich hatte ich auch einen erzieherischen Auftrag. Andere Kinder ärgern ist nicht nett, Tiere werden nicht geschlagen, Gemüse ist gesund und muss gegessen werden, „Danke“ und „Bitte“ sagen, Nasen werden bei Bedarf geputzt, usw. Manches wird bei den Kindern vielleicht hängen geblieben sein und anderes nicht. Aber zum Glück gibt es noch die Mamas (einheimische Erzieherinnen im Kinderheim) und meine „Nachfolger“, die mit den Kindern daran arbeiten können.

Ich wollte den Kindern auch so etwas wie eine „Dada“ (Schwester) sein. Lachen, singen, tanzen, zeichnen, spazieren gehen, mit Legos spielen, Fahrrad fahren, Fussball spielen, zusammen Hausarbeiten erledigen, sich gegenseitig die Fingernägel lackieren, zusammen Essen, zusammen Feste feiern, die Kleinen zu Bett bringen, die Kinder trösten und Pflästerli verteilen… Es gab so Vieles was ich für die Kinder tun konnte und so Vieles was sie mir zurück gegeben haben. Nebst dem Spass den wir zusammen hatten, gab es natürlich auch ernstere Themen. Die Kinder erzählten mir von ihrer Vergangenheit und was sie gerade im Moment beschäftigt. Auch war es mir wichtig, besonders mit den älteren Kindern das Thema Zukunftsplanung und Eigenverantwortung anzusprechen. So gab es viele Gespräch und Diskussionen. Schlussendlich müssen die Kinder aber ihren eigenen Weg finden. Vermutlich habe ich darauf gar keinen Einfluss.

 

 

Hast du auch schon als Volunteer bei einem Entwicklungsprojekt gearbeitet? Was sind deine Erfahrungen? Ich würde mich freuen, mich mit dir austauschen zu können;-).

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