Unter Bären in Nordamerika

Die Bären gehören zu Nordamerika wie die Kängurus zu Australien. Und sie hatten mich schon damals im 2011, als ich das erste Mal nach Kanada kam, in ihren Bann gezogen. Bären faszinieren mich und doch habe ich ganz schönen Respekt vor ihnen. Das ist wohl auch gut so. Während meiner Reise durch Nordamerika nutzte ich die Gelegenheit, mich näher mit den Tieren zu befassen.

Meine erste Begegnung mit Bären

Als ich im 2011 im Norden von British Columbia ankam, wusste ich nicht, dass das Haus meiner Gastfamilie sich in einem Bärengebiet befand. So nahm mich  Jim, mein kanadischer Gastgeber mit, um mir die Bären am Waldrand hinter dem Kornfeld zu zeigen. Aus weiter Distanz konnte ich eine Mutter mit zwei Jungen in der Abenddämmerung dabei beobachten, wie sie sich am Korn bedienten. Das ganze war richtig süss anzuschauen. Die Jungen tollten ganz verspielt um die Mutter und die Mutter wies sie gelegentlich zurecht.

Als wir uns mit dem Quadbike etwas näherten, schreckte die Bärenmutter auf, gab ihren Jungen zu verstehen, dass sie sich in den Wald auf einen Baum retten sollen und stand auf, um besser sehen zu können, wer sich denn da mit lautem Krach näherte. Sie entschied ziemlich schnell, dass Rückzug die beste Option ist und folgte ihren Jungen in den Wald, als wir uns noch immer über 100 Meter von ihr entfernt aufhielten.

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Eine Grizzly-Mutter mit einem Jungen

Jim meinte, dass dies eine „gute“ Bärin sei. Die Bärin hat Respekt vor den Menschen und solange die Menschen Respekt vor ihr haben und Vorsicht walten lassen, würde es auch nicht zu gefährlichen Situationen mit ihr kommen. Ausserdem lehrt sie ihren Jungen bereits jetzt schon, wie sie sich gegenüber den Menschen verhalten sollen, nämlich mit Rückzug. Nur mit gegenseitigem Respekt sei ein problemloses nebeneinander Leben von Mensch und Bär möglich. Beide Seiten müssen sich an bestimmte Regeln halten. In den folgenden Jahren bekam ich das noch von vielen weiteren Leuten, die in Gegenden mit Bären lebten, zu hören.

Ja, die meisten Einheimischen, die in einem Bärengebiet leben, wissen von Kind auf, wie sie sich gegenüber einem Bär zu verhalten haben. Ein grösseres Problem stellen die Touristen dar, die sich nicht informieren und sich schlussendlich rücksichtslos und dumm verhalten, wenn sie auf Bären stossen.

Ein gefütterter Bär ist ein toter Bär

Was sich im Englischen („A fed bear is a dead bear“) lustig anhört, ist todernst gemeint. Sobald ein Bär Menschen mit Nahrung in Verbindung bringt, kommt es zu Problemen und lebensgefährlichen Situationen für Mensch und Bär.

Als ich im Denali Nationalpark (AK) eine Bustour unternahm, wurde mir dies besonders deutlich. Mir waren die Schilder am Strassenrand aufgefallen, die darauf hinwiesen, dass sich ein „gefährlicher“ Bär in dieser Gegend umhertreibe und vom Wandern abzuraten sei. Ich sprach die äusserst gesprächige Busfahrerin Wendy darauf an und Wendy begann uns die Geschichte von der Misere mit einem Jungbären im Denali Nationalpark zu erzählen.

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Bären lieben Beeren

Im Frühling schlich sich eine Gruppe Touristen in den Denali Nationalpark, welche die 10 Dollar Eintrittsgebühr für den Nationalpark nicht bezahlen wollten. So kam es auch, dass diese Touristen nicht über das Verhalten im Park, besonders in Bezug auf Bären, informiert werden konnten. Als die Gruppe dann im Park mit einem Jungbären zusammen stoss, brachen sie in Panik aus und „bewarfen“ den Jungbären mit ihren Rucksäcken, gefüllt mit Nahrungsmitteln. Genüsslich machte sich der ziemlich unbeeindruckte Bär an sein Festmahl. Von da an verknüpfte der Jungbär Menschen mit einem Festmahl.

Einige Wochen später kam es wieder zu einem ähnlichen Zusammentreffen mit dem selben Jungbär. Eine Gruppe Touristen schlich sich in den Park und als der Jungbär neugierig näher kam, wussten die Touristen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Sie beschlossen sich auf den Boden zu werfen und zu hoffen, dass der Bär verschwindet. Der Bär trampelte aber unbeirrt auf den am Boden liegenden Touristen herum und machte sich an ihren Proviant, den sie sich noch immer auf den Rücken geschnallt hatten. Dabei wurden mehrere Personen verletzt.

Über Wochen versuchten die Parkangestellten dem Bären das Fürchten vor Menschen beizubringen, mit Knallkörpern, mit in den Augen und Nasen brennendem Bärenspray und anderen Dingen. Leider vergebens.

Als wir mit dem Bus bereits auf dem Rückweg zum Parkeingang waren, war plötzlich die Strasse mit mehreren Autos der Parkranger gesperrt. Ein Parkranger informiert uns dann, dass wir für eine Weile hier warten müssen wegen eines „kritischen Ereignisses“. Mehr erfuhren wir leider nicht, auch wenn Wendy ihr Bestes gab, um dem Ranger mehr Informationen zu entlocken. Also machten wir unseren eigenen Reim aus den Geschehnissen.

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Bald wird sich der Bär zum Winterschlaf zurückziehen

Die geblockte Strasse befand sich genau in dem Gebiet, in dem auch die Warntafeln vor dem Jungbären aufgestellt waren. Diese waren plötzlich verschwunden. Hinter einem Hügel konnten wir die Rotorenblätter eines Helikopters sehen, als die Strasse wieder geöffnet wurde und wir vorbeifuhren. Wendy kam zum Endschluss, dass sie den Jungbären erschossen hätten und ihn nun mit dem Helikopter nach Fairbanks fliegen würden.

Schade musste ein weiterer Bär wegen ein paar ignoranten und dummen Menschen sterben. Dabei liesse sich die Gefahr, welche von Bären ausgeht, mit einigen einfachen Verhaltensregeln auf ein Minimum reduzieren.

Das 1×1 des Verhaltens im Bärengebiet

Falls du dich auch einmal in ein Bärengebiet begibst, habe ich dir hier einige Verhaltenstipps. Ich bin damit bis jetzt vor einem unangenehmen Zusammentreffen mit Bären verschont geblieben.

  • Füttere niemals einen Bären: Bären dürfen auf keinen Fall Menschen mit Nahrung in Verbindung bringen. Bären sind wahnsinnig verfressen und verlieren bei Aussicht auf Futter ziemlich schnell alle Hemmungen. Dass heisst, verstaue dein Essen bärensicher in einem Behälter oder im geschlossenen Fahrzeug, möglichst weit von deinem Schlafplatz entfernt und lasse es nie unbeaufsichtigt herumliegen, wenn du dich in einem Bärengebiet befindest und dort vielleicht auch campst. Vermeide stark riechende Nahrungsmittel. Und versuche schon gar nicht, Bären mit Essen anzulocken!
  • Halte immer Abstand zu einem Bären: Ja, es ist verlockend, wenn man einen Bären sieht, noch etwas näher rann zu gehen, um ein besseres Foto zu schiessen. Aber lass es einfach, es könnte möglicherweise dein Letztes gewesen sein. Respektiere die Natur und sei froh, dass du überhaupt einen Bären zu Gesicht bekommen hast. Bären mögen es nämlich nicht, wenn man ihnen zu nahe tritt. Bären reagieren darauf aggressiv und greifen möglicherweise an. Besondere Vorsicht ist bei Müttern mit ihren Jungen geboten. Stelle dich niemals zwischen eine Mutter und ihre Jungen, die Mutter wird ihre Jungen verteidigen und dich möglicherweise angreifen.
  • Überrasche niemals einen Bären: Halte stetig Ausschau nach Bärenspuren, wenn du in einem Bärengebiet unterwegs bist. Sei achtsam und verlasse das Gebiet, wenn du frische Bärenspuren entdeckst. Verursache Geräusche, rede mit jemandem, singe, lass Musik auf deinem Handy laufen oder bringe ein Glöckchen an deinem Rucksack an. Bemerken dich die Bären frühzeitig, machen sie sich nämlich von alleine aus dem Staub. Überrascht du sie, greifen sie möglicherweise an.
  • Höre auf die Anwohner/Parkangestellten des Bärengebietes und gehe kein Risiko ein: Sie haben mit Sicherheit mehr Ahnung von Bären als du.
  • Schütze dich bei einem Angriff: Ich wurde zwar noch nie von einem Bären angegriffen, habe mir aber trotzdem zur Sicherheit dazu Tipps geholt. Und diese wären: Versuche einen Bären zu bemerken, bevor er dich bemerkt und ziehe dich geräuschlos zurück. Trage Bärenspray bei dir und spray dem Bären das brennende Zeug ins Gesicht, wenn er dich angreifen will. Renne niemals davon! Mache dich stattdessen gross und versuche ihn mit deiner lauten Stimme zu vertreiben. Falls das nichts bringt überlege dir, ob dich der Bär als Feind oder als Futter (eher unwahrscheinlich) sieht. Sieht er dich als Feind, lege dich flach auf den Boden und schütze deinen Nacken und Kopf mit deinen Händen. Sieht er dich als Futter, bleibt dir nur das Kämpfen übrig.
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Ein Schwarzbär beim Gras futtern

Die Grizzlies von Bella Coola

Die einfachste und sicherste Möglichkeit Bären zu beobachten ist, sie von einem geschlossenen Fahrzeug aus zu beobachten. Darum heisst es, wenn man auf einem Highway durch die Wildnis und Abgeschiedenheit des Nordens fährt, die Augen offen zu halten. Je abgelegener, desto besser. Denn oftmals wachsen Beerensträucher und Gras der Strasse entlang. Beeren und Gras sind beliebte Nahrungsmittel für Bären. Auch Elche und andere Wildtiere lassen sich dort finden. Natürlich braucht es etwas Glück und Timing. Doch in Nordamerika ist es oftmals so, dass die Möglichkeit besteht, auf der Strassenseite raus fahren und anhalten zu können.

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Bären sehen halt doch irgendwie knuffig aus

Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit, Bären in einer relativ sicheren Umgebung zu beobachten. Bei Flüssen, in denen sich die Lachse gerade zu ihren Brutstätten zurück kämpfen, sind die Bären aussergewöhnlich entspannt und beanspruchen einen viel geringeren Freiraum, ohne aggressiv zu werden. Das ist so, weil sie durch die Lachswanderung Futter im Überfluss finden. Oftmals sieht man die teritorialen Einzelgänger sogar in Gruppen fischen. Es hat genug für jeden. Die Bären brauchen gelegentlich sogar nur ihre Mäuler zu öffnen und zu warten, bis ihnen ein Lachs ins Maul springt. Die Bären sind so verwöhnt, dass sie manchmal den ganzen Fisch liegen lassen und nur die Fischeier aus dem Fisch essen, bevor sie sich an den nächsten Lachs machen. Und genau das ist der Moment, indem man Bären auch aus nächster Nähe beobachten kann. Natürlich ist auch dann Vorsicht geboten.

Es ist nicht immer einfach, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um dieses Spektakel zu beobachten. Mit Glück war es mir aber gelungen, Grizzlies beim Lachs fangen im Bella Coola River zu zusehen.

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Bei einem Ausflug nach Bella Coola entdeckten ich und meine Begleiterin Barbara drei fischende Grizzlies im Fluss. Wir parkten unser Auto bei einer Ausbuchtung und setzten uns mit unseren Kameras ans Flussufer. Dort sassen wir für eine Weile und liessen uns von den friedlichen Grizzlies in den Bann ziehen. Es war ein schönes Erlebnis, diesen Tieren zuschauen und der Natur so nahe sein zu dürfen.

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Bären sind gute Fischer

 

Ich mag Bären sehr. Sie sind einer der Hauptgründe, weshalb mir der Norden von Amerika so gut gefällt und ich immer wieder dahin zurück kehre. Deshalb liegt es mir auch am Herzen, dass der Bestand der Bären bestehen bleibt. Leider werden aber noch immer zu viele Bären unnötig erschossen und Menschen verletzt, weil sich die Menschen falsch verhalten. Dabei wäre ein Koexistieren von Mensch und Bär in den meisten Fällen problemlos möglich.

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