Die Wildpferde des Pryor Mountain

Meine Reise durch Nordamerika führte mich auch nach Wyoming. Dort wollte ich mir einen Kindheitswunsch erfüllen und mich auf die Suche nach Cloud, dem wilden Mustang, machen. Vor vielen Jahren hatte ich als geschätzte 9-Jährige eine Dokumentation über Cloud und seine Familie zum ersten Mal im Fernsehen gesehen und entschlossen, ihn eines Tages in Amerika besuchen zu gehen.

In Lovell (MT) hatte ich eine Verabredung mit Steve. Er und seine Frau Nancy bieten seit einigen Jahren Touren an, um die Wildpferde vom Pryor Mountain zu sehen. Steve ist ein waschechter Cowboy und hat sich voll und ganz den wilden Mustangs verschrieben. Ich konnte es ihm auch gar nicht übel nehmen, als er davon ausging, dass „Switzerland“ eine Ortschaft in Texas wäre. Nebst mir, nahm Steve auch noch zwei weitere Frauen mit auf die Tour. Im 4×4 Fahrzeug ging es über Stock und Stein den Berg hoch.

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Ein Mustang des Pryor Mountain

Der Weg war sehr holprig uns zeitweise ziemlich steil. Ich war überrascht, dass man mit einem Fahrzeug überhaupt diesen „Weg“ befahren konnte. Doch Steve wusste was er tat, schliesslich fuhr er diese Strecke schon seit Jahren.

 

Cloud ist verschwunden

Meine Hoffnung Cloud zu treffen, war leider schon beim Antreten der Fahrt geplatzt. Steve erzählte mir, dass Cloud zum letzten Mal im Herbst 2015 gesehen wurde. Man vermutete, dass der alte Hengst verstarb. Natürlich war ich etwas traurig, dass ich Cloud nicht mehr sehen würde. Schliesslich war ich so nahe dran. Doch Clouds Familie lebte und für mich war nur schon die Tatsache, seiner Familie möglicherweise begegnen zu können,  etwas ganz Besonderes.

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Diese Aussicht genoss Cloud ganz bestimmt

Im Jahr 1995 wurde Cloud auf dem Pryor Mountain geboren. Ginger Kathrens filmte die Szene und dokumentierte von da an Clouds Heranwachsen. Aus dem kleinen Fohlen wurde ein mächtiger Hengst, der sogar sein eigenes Harem erobern konnte. Cloud hatte ein bewegtes Leben und Ginger Kathrens gelang eine faszinierende Dokumentation über Cloud und die anderen wilden Mustangs des Pryor Mountain. Kein Wunder packte mich die Geschichte von Cloud, schliesslich bin und war ich schon immer ein pferdeverrücktes Mädchen.

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Das war Cloud, Bildquelle: Nickoles Photography

 

Inniq, der einsame Hengst

Während der Fahr hielten wir alle Ausschau nach den Pferden, um ja keines zu verpassen. Schliesslich wurden wir das erste Mal fündig. Inniq überquerte die Strasse wenige Meter vor unserem Auto. Wir stiegen aus und ich folgte Inniq einige Meter. Steve erzählte mir, dass Inniq zu den seltenen Pferden gehört, die alleine unterwegs sind. Inniq hätte die Möglichkeit, sich einer Junggesellengruppe anzuschliessen oder sich sogar seine eigenen Stuten zu erobern, doch der 5-jährige Hengst bevorzugt es, alleine zu sein.

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Inniq ist gerne alleine unterwegs

Mir war aufgefallen, dass Inniq einige Kampfspuren und Bisswunden in seinem Fell hat. Steve meinte, dass er sich gerne mit anderen Hengsten anlegt, die meisten Kämpfe auch gewinnt, dann aber doch wieder das Alleine Sein wählt. Es schien im wohl zu sein, unabhängig von allen anderen Pferden zu leben.

Dass Inniq alleine unterwegs ist, erinnerte mich an mich. Es ist schön, wenn man Einsamkeit oder das Alleine Sein wählen kann, aber nicht muss. Vielleicht entscheidet sich Inniq ja doch eines Tages wieder dazu, sich einer Herde anzuschliessen. So wie ich. Ich reise alleine in der Welt umher, habe aber immer die Gewissheit, dass auch ich meine „Herde“ habe und jederzeit heimkehren kann.

 

Okomi und seine Herde

Nachdem ich mich von Inniq losreissen konnte, dauerte es nicht lange, bis wir die nächsten Pferde zu Gesicht bekamen. Dieses Mal begegneten wir Doc’s Herde. Doc konnte fünf Stuten für sich erobern. Nebst den Stuten, lebten auch seine Fohlen in der Familie.

Die Pferde sind mit Steve vertraut und hatten sich schon lange daran gewöhnt, dass er Besucher mitbringt. Doc’s Familie schien sich an uns nicht zu stören und widmeten sich der Futteraufnahme. Nur das eine Fohlen schien Interesse an uns zu haben und schaute uns neugierig aus der Distanz an.

 

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Da ist jemand neugierig

Steve und die zwei anderen Frauen sassen bereits im Auto, als ich noch immer fasziniert Doc’s Herde aus der Distanz beobachtete. Plötzlich löste sich eines der Pferde, ein Jährling, von der Herde und ging in meine Richtung. Ich beschloss, mich zum Auto zurück zu ziehen, da der Jährling immer näher kam und ich mir nicht sicher war, ob das eine gute Idee sein würde. Wenige Meter vor dem Auto blieb ich dann doch stehen. Ich dachte mir, Steve würde bestimmt intervenieren, wenn ihm das nicht passen würde. Den eigentlich ist es den Besuchern des Pryor Mountain nicht gestattet, den wilden Pferden näher als 10 Meter zu kommen.

Doch Okomi, so hiess der Jährling, kam näher. Er schaute mich mit seinen wachen Augen interessiert an und ich verliebte mich sofort in ihn. Er verlangsamte seine Schritte und blähte seine Nüstern, um meinen Duft einzuatmen. Schliesslich kam er nur eine Armlänge von mir entfernt zum stehen. Ich hätte ihn problemlos berühren können. Das tat ich aber nicht. Stattdessen reichte ich ihm vorsichtig meine Hand entgegen, damit er sie beschnuppern konnte.

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Okomi, den ich sozusagen persönlich kennen lernen durfte

Ja, das war der Moment, aller Momente. Nie hätte ich gedacht, einem wilden Mustang einmal so nahe kommen zu können. Ein Mädchentraum ging in Erfüllung. Okomi und ich blieben für eine Weile so stehen. Nachdem ich Okomi einige Worte zugesprochen hatte, brache ich es endlich übers Herz, mich von ihm zu verabschieden und mich abzuwenden. Während ich zum Auto ging, schaute mir Okomi nach.

 

Der Nachmittag mit den wilden Mustangs des Pryor Mountain

Nebst Inniq und der Herde von Doc begegneten wir vielen weiteren Pferden. Wir hatten Glück und schlussendlich sahen wir über 100 Pferde. Am Mittag gab es ein Picknick während einige wilde Pferde in der Umgebung grasten. Es war einfach wunderbar, die Pferde in unmittelbarer Nähe beobachten zu können und das Herdenverhalten der Pferde zu studieren.

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Zwei Mustangs, die sich mögen

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Das Gras auf dem Pryor Mountain ist nicht besonders saftig

 

Herden können in der selben Konstellation über Jahre bestehen. Doch kann es auch zu Unruhen und Wechsel kommen. Die meisten Hengste leben in Junggesellengruppen und werden nie ihre eigene Stute(n) abbekommen. Denn nur die stärksten und schlausten Hengste sind in der Lage, sich ihre eigene Herde zu erkämpfen, diese auch zu halten und sich fortzupflanzen. Hengste, die ihre eigene Herde haben, müssen sich immer wieder gegenüber Junggesellen und anderen Hengsten beweisen. Gegenseitig versuchen sie, sich die Stuten streitig zu machen.

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Zwei Hengste in einem Machtkampf

Meistens bleiben die männlichen Nachkommen nach ihrer Geburt für die nächsten zwei Jahre in der selben Herde und werden dann vom Hengst verstossen. Die jungen Stuten werden von anderen Hengsten „erobert“ und verlassen die Herde, in der sie geboren sind. So beugt die Natur Inzest vor.

Doch der „Herdenchef“ ist nicht unbedingt der Hengst, sondern die Leitstute. Die Leitstute ist meistens eine ältere, erfahrene und intelligente Stute. Sie entscheidet, wann es Zeit ist, weiter zu ziehen, wo gefressen wird und wo sich Wasser finden lässt. Auch ist sie diejenige die entscheidet, was bei Gefahr zu tun ist. Sie leitet die Herde an und der Hengst geht am Schluss, um sicherzustellen, dass er seine Stuten beisammen und alle im Blickfeld hat.

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Entspanntes Herdenleben

Da die Pryor Mountain Mustangs in einem Schutzgebiet des BLM (Bureau of Landmanagement) leben, hat nebst der Natur, auch das BLM seine Hände im Spiel, um die Population der Wildpferde unter Kontrolle zu halten. Das Gebiet bietet genügend Platz und Futter für 150 Pferde. Nur Stuten im Alter zwischen 8 und 12 Jahren dürfen Fohlen haben, alle anderen Stuten bekommen regelmässig Hormonspritzen zur Schwangerschaftsverhütung, mit dem Blasrohr aus der Distanz, verpasst. Ausserdem werden ab und zu auch einige Mustangs eingefangen und verkauft.

 

Was mit Cloud’s ehemaliger Herde geschah

Doch was wurde eigentlich aus Cloud’s Familie? Einige Monate vor seinem Verschwinden, verlor er seine gesamte Familie an einen jüngeren und kräftigeren Hengst. Seit da erlebte die Familie so einige Wechsel. Auch als ich auf dem Pryor Mountain war, herrschten Unruhen um Cloud’s Familie. Mescalero konnte Cloud’s ehemalige Herde für sich gewinnen. Doch einen Tag vor meinem Besuch, machten ihm zwei Bachelors die Stuten streitig. Mescalero gab sich aber nicht einfach so geschlagen.

Als wir uns mit dem Auto der Herde näherten, bot sich uns eine spannende Szene. Die Hengste kämpften untereinander und Mescalero jagte die beiden Junghengst schliesslich über eine Hügel in die Fluch. Mescalero rannte nur einige Meter an mir vorbei, um zurück zu seinen Stuten zu gelangen. Bei seiner Herde angelangt, musste er seine Stuten aber zuerst wieder zusammentreiben, da sie sich durch die Unruhen auf der Wiese verteilt hatten. Schliesslich jagte Mescalero seine Stute über die Wiese, um so viel Abstand wie möglich zu seinen Herausforderern zu gewinnen.

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Mescalero auf dem Weg zu seinen Stuten

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Typische Haltung, mit der ein Hengst seine Stuten vorantreibt

So kam es, dass ich Cloud’s ehemaligen Stuten und seine Fohlen dabei beobachten konnte, wie sie so frei wie der Wind über die Hügel des Pryor Mountain rannten. Ich fand es schön, Cloud’s Familie so zu erleben und stellte mir vor, wie Cloud statt Mescalero mit seiner Familie davon galoppierte. Dieses Bild und Claud werde ich nie vergessen.

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Cloud’s Familie

 

Der Tag mit den wilden Mustangs war ein ganz besonderer. Ich ging mit wenigen Erwartungen, aber mit vielen Hoffnungen dahin. Ich war schon absolut begeistert, als ich Inniq zu sehen bekam und fand bereits zu diesem Zeitpunkt, dass sie die Reise mehr als gelohnt hat. Doch die Wildpferde des Pryor Mountain bescherten mir noch so viele weitere tolle Erlebnisse. Es war einfach wunderschön, dort gewesen zu sein. Eines Tages muss ich wieder dorthin.

 

2 Gedanken zu “Die Wildpferde des Pryor Mountain

  1. Reto Bollhalder

    Das sind wirklich schöne Bilder und auch ein sehr schöner Bericht – etwas traurig, dass Cloud nicht mehr ist, aber schön, dass diesen Wildpferen in Wyoming Platz in Freiheit gewährt wird. Ich freue mich, dass wir diese „Weihnachtsgeschichte“ dem Grosi und Grossvater mitbringen können.
    LG Pa

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  2. Sandra

    Hallo Angela,
    dein Abenteuer bei Mustangs hast du wunderschön geschrieben ☺
    Auch ich wollte zu Cloud und seinen Freunden, nachdem ich von Ginger die Dokumentation 2009 gesehen hatte. Mein Wunsch ging in Erfüllung, ich besuchte 2013 und 2015 das Land der wilden Mustangs. Es war einzigartig, sie zu beobachten und zu erleben. Auch Cloud war dort, in ’13 mit seiner Familie. In ’15 war er dann Senior, doch seine Kinder und Enkel verbrachten Zeit mit ihm, besonders seine Tochter Encore und ihr Hengst Knight. Er war nicht alleine ☺ Und auf eine gewisse Art und Weise hast du auch Cloud kennen gelernt, denn Okomi ist sein Enkel.

    Alles Gute auf deinen Reisen und danke für die Tipps in Bären-Gegenden.

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