Kilimanjaro – Das Dach von Afrika

Die Idee, den Kilimanjaro zu erklimmen, hat sich eines Tages in meinem Kopf festgesetzt. Ich wollte an meine körperlichen und mentalen Grenzen stossen. „Das kannst du gerne haben“, hat sich der Kilimanjaro wohl gedacht. Die Besteigung des Kilimanjaro hat mir unvergessliche Momente beschert, harte, aber auch unglaublich schöne Momente, die mir wohl noch mein ganzes Leben in Erinnerung sein werden.

Die Marangu-Route im Ueberblick

Die erste Etappe führte vom Gate in Marangu (1900 m) zur Mandara-Hütte (2720 m). Diese Strecke ist im Urwald-Gürtel des Kilimanjaro gelegen.

Am zweiten Tag ging es von der Mandara-Hütte aufwärts zur Horombo-Hütte (3718 m). Büsche und Steppengras prägten hauptsächlich das Landschaftsbild.

Es folgte ein Aklimatisations-Tag mit einer Wanderung zum Kibosattel (4400 m) und wieder zurück zur Horombo-Hütte.

Am Tag darauf stand bereits die erste entscheidende Phase bevor. Durch die karge Vulkanlandschaft führte der Weg von der Horombo-Hütte zur Kibo-Hütte (4720 m) Eine kurze Wanderung auf ca. 4900 Meter diente uns nochmals zur Aklimatisation, bevor wir uns für ein paar Stunden in der Kibo-Hütte ausruhten.

Um Mitternacht starteten wir die letzte Etappe. Der Weg führte durch steiles, felsiges Gelände hoch zum Gilman’s -Point (5715 m). Schliesslich erreichten wir über den mit Schnee gesäumten Weg am Kraterrand entlang den Uhuru Peak (5895 m).

Kaum oben angekommen, hiess es auch schon wieder die 1000 Höhenmeter zur Kibo-Hütte ab zu steigen. Am selben Tag haben wir weitere 1000 Höhenmeter von der Kibo-Hütte zur Horombo-Hütte zurückgelegt.

Die restlichen 2000 Höhenmeter, bis zum Gate in Marangu, brachten wir am darauf folgenden Tag hinter uns.

Der Aufstieg dauerte somit 4 1/2 Tage und der Abstieg 1 1/2 Tage. Von Marangu bis zum Uhuru Peak waren es 4000 Höhenmeter.

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Die Zebrafelsen kurz vor dem Kibo-Sattel

„Today ist the Day and Tomorrow is Tomorrow“

„Denke heute noch nicht all zu sehr an morgen, sondern konzentriere dich auf das, was du heute beeinflussen kannst. Heute ist wichtiger als morgen.“ Dies erwiederte ein einheimischer Führer auf meine Bedenken, ob ich es wohl bis zum Gipfel schaffen würde. Diesen Rat habe ich mir immer wieder vor Augen geführt,  besonders dann, wenn Selbstzweifel aufkommen wollten.

Viel trinken und sparsam mit der eigenen Energie umgehen, lautete die Devise der Bergführer. Also habe ich jeden Tag mindestens 3 Liter getrunken, meine Schritte dem Tempo der Bergführern angepasst, mich nicht unnötig bewegt, mich wann immer möglich ausgeruht und schon früh zum Schlafen hingelegt.

Der Alltag am Berg

Die Tage vergiengen unglaublich schnell. Am Morgen früh aufstehen, zusammen packen, frühstücken, wandern, Lunchpause machen, wieder wandern, auspacken, ausruhen, Abendessen, schlafen gehen… Wenn ich das so schreibe, hört sich das irgendwie monoton und langweilig an. Dem war aber überhaupt nicht so!

Tolle Menschen und gute Gespräche liessen die Tage kürzer erscheinen, als sie wirklich waren. Humor und gute Stimmung ist nicht nur dann aufgekommen, wenn die Führer und Träger gesungen haben. Das Miteinander in der Gruppe war geprägt von Hilfsbereitschaft und Tolleranz. Unglaublich, wie ein gemeinsames Ziel, eine Gruppe aus wildfremden Menschen so zusammenschweissen konnte.

Geschlafen wurde meistens in Hütten mit 4 bis 6 Betten. Das ganze war sehr einfach, aber völlig ausreichend. Gegessen wurde in groesseren Esshäusern. Alle hatten Platz am grossen Tisch. Die Tische wurden mit viel Liebe zum Detail von den Trägern gerichtet (sie haben sogar aus den Servietten Figuren gefalten zur Dekoration). Das Essen war einfach, aber ebenfalls mit viel Liebe gekocht. Die Sanitäranlagen waren, wie kaum anders moeglich, in sehr rudimentärer Form vorhanden und zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Als Toilette musst aber nur auf der Kibo-Hütte ein Loch herhalten, ansonsten hatte es richtige Toiletten und Waschbecken. Um sich zu waschen, gab es jeden Tag warmes „Washing Wather“ in Schüsseln.

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Die Horombo-Hütte

Der harte Weg bis ganz nach Oben

Bei der Horombo-Hütte angekommen, wurde die Höhe für mich langsam spürbar. Die Luft wurde zunehmend dünner und ich kurzatmiger. Meine Schritte wurden automatisch langsamer. „Pole, pole“ war mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich habe immer weniger gesprochen, während ich mich fortbewegte, da dafür nicht mehr viel Atem vorhanden war. Doch stetig habe ich einen Fuss vor den anderen gesetzt, dank schönem Wetter das Ziel immer vor Augen. Schliesslich war die karge Vulkanlandschaft durchwandert und die Kibo-Hütte erreicht. Ehrführchtig stand ich am Fuss des Kilimanjaro, meinen Blick auf den Weg hoch zum Kraterrand gerichtet. Wir gönnten uns eine letzte Ruhepause, bevor um Mitternacht die Gipfelbesteigung anstand.

Es war dunkel und erstaunlich warm, als wir vor Mitternacht aus unseren Schlafsäcken krochen und uns für die Besteigung vorbereiteten. Pünktlich um Mitternach sind wir losgegangen. Es war Leermond, der Sternenhimmel klar. Jeder mit einer Strinlampe ausgerüstet, sahen wir nicht viel mehr, als jeder seinen Vordermann. Wenn man den Blick nach oben gerichtet hatte, war der Kraterrand nicht zu erkennen. Nur das Läuchten der Stirnlampen von Personen, die schon weiter oben waren, liessen vermuten, dass es noch ein langer, langer Weg sein würde.

Auf geschätzten 5200 m bemerkte ich, wie ich plötzlich von einer Müdigkeit übermannt wurde. Ich hatte Probleme, mich zu konzentrieren und das Gleichgewicht zu halten, bereitete mir ebenfalls Mühe. Mir wurde klar, dass ich einen Sauerstoffmangel hatte und irgendwie mehr Luft in meine Lungen bekommen musste, um diesen auszugleichen. Schliesslich begann ich, so tief ein und aus zu atemen wie nur möglich. Bald fühlte ich mich besser. Die ausgeliehenen Stöcke gaben mir zusätzlich etwas Unterstützung.

Mein Blick immer auf die Fersen meines Vordermannes gerichtet, ging ich weiter. Ich hatte das Zeitempfinden ganz verloren. Sepertine um Septertine führten über den Geröllhang, bevor wir den felsigen Teil erreichten. Schliesslich tauchte der erste Schnee auf. Dies verlieh mir einen kleinen Motivationsschub. Es bedeutete nämlich, dass ich die erste Hälfte bis zum Kraterrand, in etwa gemeistert hatte.

Doch der Weg wurde immer felsiger und somit schwieriger. Man musste teilweise grosse Schritte nehmen, ausbalancieren und sich genau überlegen, wohin man seinen Fuss setzte. Meine fehlende Kondition machte mir zunehmend zu schaffen. Ich klammerte mich an den Gedanken, wie unglaublich toll es sein würde, wenn ich am Gilman’s Point den Sonnenaufgang erleben würde. Ich musste es einfach schaffen, Aufgeben war keine Option. Also kämpfte ich weiter, immer am Limit meiner physischen Belastbarkeit. Zum Glück litt ich weder an Übelkeit, noch an Kopfschmerzen. Irgendwann hatte mir Livingstone, ein einheimischer Bergführer, den Rucksack abgenommen. Es fühlte sich an, als ob er mir eine riesige Last abenommen hätte. Mit Rucksack hätte ich es wohl kaum bis ganz nach oben geschafft.

Schliesslich erfüllten freudige Rufe die Nacht. Es war aber noch dunkel und ich traute der ganzen Sache nicht. Es würde wohl noch eine ganze Weile dauern, bis zum Kraterrand. Umso erstaunter war ich, als ich auf einmal oben stand, direkt vor dem Schild, welches mit Gilman’s Point beschriftet war. Ich schaute noch einmal in die Ferne und konnte einen leicht geröteten Horizont erkennen. Augenblicklich schossen mir die Tränen in die Augen. Ich hatte es geschafft! Wenn ich es bis zum Gilman’s Point geschaft hatte, dan würde ich es auch bis zum Uhuru Peak schaffen. Ich setzte mich auf einen Stein und trank Tee während ich mich wieder sammelte. Wir umarmten und gratulierten uns gegenseitig. Alle aus meiner Gruppe hatten es geschafft!

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Der Sonnenaufgang am Kraterrand

Vor uns lag aber noch ein beträchtlicher Weg und die Führer drängten zum Aufbruch. Viele hatten mit Kopfschmerzen und Übelkeit zu kämpfen. Mir schien die Höhe aber gar nichts aus zu machen, nur der Sauerstoffmangel war anstrengend. Deshalb nahm ich es auch gemütlich. Ich machte immer wieder Pausen, um die Momente in mir aufzunehmen und Fotos vom Sonnenaufgang und den Gletschtern zu machen. Weder Fotos, noch Beschreibungen kommen annähernd an das Erlebte heran.

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Die Gletscher in der Morgensonne

Livingstone blieb bei mir, während die anderen aus meiner Gruppe weiter gingen. Gemächlich und doch schwer atmend, setzte ich meine Schritte am Kraterrand entlang fort. Es wurde immer heller und schliesslich erreichte ich bei strahlendem Sonnenschein den Uhuru Peak auf 5895 Metern. Gerade rechtzeitig für das Gruppenfoto, erreichte ich den Gipfel des Kilimanjaro. Die Zeit dort oben war sehr kurz. Nach weiteren Gratulationen, Umarmungen und Tränen, machte ich mich als Letzte wieder voller Freude, Zufriedenheit, Dankbarkeit und Stolz an den Abstieg.

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Das obligatorische Gipfelfoto (die Sonne hat ziemlich geblendet)

Der harte Weg bis ganz nach Unten

„Wenn ich da hoch gekommen bin, dann komme ich auch irgendwie wieder runter“, habe ich zu mir gesagt, als ich wieder am Gilman’s Point stand. Der obere Teil war aber ziemlich steil, viel steiler als gedacht. Mit der motivierenden Gewissheit, den Kilimanjaro bestiegen zu haben, begann ich über die Felsbrocken langsam nach unten zu steigen. An meinen Oberschenkeln machte sich bereits der erste Muskelkater bemerkbar. Mühsam bahnte ich mir einen Weg durch das Gestein. Livingstone ging vor mir, um mir den einfachsten Weg zu zeigen. Irgendwann war auch das letzte Stück Felsen überwunden. Doch jetzt galt es, den Geröllhang zu bewältigen. Ich konnte mich bei Livingstone einhaken und gemeinsam rutschten wir auf dem Geröll herunter. Es machte Spass, aber war auch unglaublich anstrengend. Immer wieder mussten wir Pausen einlegen, da mir die Kondition fehlte. Durch das Rutschen begannen meine Zehen zu schmerzen. Ich schenkte dem Schmerz aber keine grosse Beachtung, da ich einfach nach unten wollte. Bald waren wir an der Kibo-Hütte angelangt.

Um 9 Uhr morgens erreichte ich die Kibo-Hütte. Bereits 9 Stunden körperliche Schwerstarbeit lagen hinter uns. Nach einer Suppe ging es weiter zur Horombo-Hütte. Der Schmerz in meinen grossen Zehen wurde immer schlimmer. Meine Wanderschuhe passten wohl doch nicht so, wie angenommen. Ich quälte mich weiter, was blieb mir auch anderes übrig. Der Weg zurück zur Horombo-Hütte schien mir viel länger zu dauern, als ich ihn in Erinnerung hatte. Umso grösser war die Erleichterung, als in der Ferne die Funkantenne der Horombo-Hütte sichtbar wurde.

Kaum bei der Hütte angekommen, befreite ich meine Füsse von den Wanderschuhen. Beide grossen Zehennägel waren blau. Am linken Zehen hat sich unter dem Nagel bis zum Nagelbeet ein Ödem gebildet und der Nagel schien sich an der Seite bereits etwas gelösst zu haben. Nachdem ich meine Zehen verarztet hatte, gab es eine Stärkung und anschliessend konnten wir uns ausruhen.

Zum Abendessen waren alle wieder ziemlich fit. Nach einem leckeren Essen, überraschte uns das Küchenpersonal mit Klimanjaro-Besteigungs-Torten. Die tansanischen Führer und Träger tanzten und sangen einmal mehr für uns und wir alle liessen uns von dieser tollen Stimmung mitreissen.

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Ausgelassene Stimmung nach der Besteigung

Am nächsten Tag, brachten wir noch die letzten 2000 Höhenmeter hinter uns. Zu meinen schmerzenden Zehen gesellte sich ein beträchtlicher Muskelkater. Völlig fertig kam ich am Gate an. Ich freute mich auf mein erstes Kilimanjaro-Bier, eine Dusche und ein richtiges Bett.

Nie wieder werde ich da hoch gehen, aber ich bin unsagbar dankbar und froh darüber, dass ich es getan habe. Ich brauchte Mut, um mich der Herausforderung Kilimanjaro zu stellen und wurde mit unvergesslichen Momenten und einem weiteren Stückchen Lebenserfahrung belohnt. Falls du auch schon darüber nach gedacht hast, den Kili zu besteigen: „Auf was wartest du?“

5 Gedanken zu “Kilimanjaro – Das Dach von Afrika

  1. Andrea Thöni

    Gänsehaut!! Wunderschön geschrieben Angela! Ich wünsche dir von Herzen eine tolle und aufregende Zeit wo auch immer du auf dieser Welt sein wirst! Schön dich auf der Reise in Tansania kennengelernt zu haben. Andrea

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  2. Pingback: Unterwegs auf dem W-Trek im Torres del Paine | Worldsafari

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