Auf dem Dalton Highway in Alaska zum Arktischen Meer (Teil 2)

Total verrückt, oder doch einfach mutig? Ich weiss es nicht. Auf alle Fälle habe ich es getan. Ich bin mit Odin ganz alleine von Fairbanks 495 Meilen (796 km) durch die Wildnis in den Norden nach Deadhorse gefahren. Mein Ziel war es, meine Füsse im Arktischen Meer zu baden. So nahm ein weiteres Abenteuer seinen Lauf…

Auf der Suche nach Bierdosen und einem abgelegenen Friedhof

Ja, ich hatte die Nacht tatsächlich überlebt, ohne verbrannt zu werden. Am folgenden Tag begleitete mich der Rauch mit seine weissen Schleier jedoch bis zum Atigunpass. Das war etwas schade, da man so nicht viel von der tollen Landschaft hatte.

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Und weiter geht es auf dem Dalton Highway

Als weiteres Ziel hatte ich Coldfood (um zu tanken) und Wiseman im Visier. Ein in Fairbanks wohnhafter Schweizer hatte mir nämlich den Tipp gegeben, mich in Wiseman näher umzuschauen. Ich solle mich auf die Suche nach dem „White Mans Totem Pole“ und dem alten Friedhof machen.

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Ortsschild von Wiseman

So irrte ich etwas ratlos im 10 Einwohner Örtchen Wiseman umher und fragte mich, wonach ich den eigentlich Ausschau halten sollte. Abgesehen von ein Paar Häusern war da nämlich nichts. Und irgendwie schien auch niemand hier zu sein, obwohl Wiseman eines der nördlichst gelegenen ganzjährig bewohnten Dörfern in Alaska ist.

Ich wollte mich schon wieder ins Auto setzen und weiter fahren, als mir eine ältere Dame entgegen kam und mich fragte, wohin ich wolle. Ich erklärte ihr, dass ich auf der Suche nach dem „White Mans Totem Pole“ und dem alten Friedhof sei. Sie sagte mir, dass sie mich zum „White Mans Totem“ führen und mir dann den Weg zum Friedhof zeigen könne. Dankend nahm ich ihr Angebot an. Während wir uns auf den Weg machten, began sie mir von ihrem Leben hier in Wiseman zu erzählen.

Und schliesslich standen wir vor dem „White Mans Totem Pole“. Ich war etwas überrascht. Vor mir befand sich ein Berg aus Alu-Dosen, welcher mit einem Schild „White Man Totem Pole Beer Monument“ gekennzeichnet war. Ja, sieht fast so aus, als ob die Leute hier grossen Durst hatten. Ich musste doch etwas schmunzeln, dass ich mich auf die mysteriöse Suche nach einem Haufen Dosen gemacht hatte. Irgendwie hätte ich etwas anderes erwartet. Nach dem ich Fotos von meinem Fund gemacht hatte, erklärte mir die Dame den Weg zum alten Friedhof.

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Da hatte wohl jemand grossen Durst

Der Weg führte durch ein dichtes Waldstück und die Frau mahnte mich, Bärenspray dabei zu haben und vorsichtig zu sein. So kämpfte ich mich durchs Dickicht den Hügel hoch und fand den Friedhof auf Anhieb. Dort oben erwarteten mich aber keine Bären, sondern zwei Eulen die auf den alten Bäumen sassen und mich beobachteten.

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Ein hübsches Tier, diese Eule

Ich marschierte durch die neueren und älteren Grabstätten und fragte mich, wie es diese Menschen wohl hierher verschlagen hatte und ob sie auch so eine interessante Lebensgeschichte haben, wie die Dame, welche ich kurz zuvor getroffen hatte.

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Der Friedhof von Wiseman

Als ich mich wieder zurück ins „Dörfchen“ machte, wartete die Frau immer noch auf mich. Sie führte mich durch die Gegend und erzählte mir Geschichten zu den Häusern. Schliesslich zeigte sie mir noch ein kleines Museum, welches sie und ihr Mann in einer alten Hütte erstellt haben. Sie sammelte alte Gegenstände, welche diese Gegend geprägt hatte. Alles in Allem war dies eine wirklich sehr interessant Begegnung und diese alte Dame hätte mir wohl noch viel mehr zu erzählen gehabt. Doch es war an der Zeit für mich, um Tschüss zu sagen und weiter zu fahren, es lag noch ein beträchtlicher Weg vor mir.

Die „anderen“ Seite

Es gibt definitiv zwei Seiten des Dalton Highway. Das musste zumindest ich feststellen. Nämlich die „Vor-Dem-Atigun-Pass-Seite“ und die „Nach-dem-Atigun-Pass-Seite“. Gut zu erkennen sind die beiden Seiten daran, dass sich auf der „Vorher-Seite“ noch Bäume befinden und auf der „Nachher-Seite“ plötzlich keine mehr da sind. Nachdem ich Wiseman verlassen hatte, fuhr ich mit Odin noch für einige weitere Stunden auf der angenehmeren „Vorher-Seite“.

Doch schliesslich erreichte ich den Atigun Pass. Ich musst einmal mehr warten. Der Dalton Highway ist geprägt von Baustellen. Und bei diesen Baustellen muss man geduldig warten, bis ein „Follow Me“ Auto oder „Pilot Car“ kommt und einem abholt. Das kann auch gut einmal eine Stunde dauern. Dann fährt man diesem Führungs-Auto nach und überquert so die Baustelle.

Vor dem Atigun Pass musste ich warten, weil ein Schwertransporter den Atigun Pass bezwingen wollte und so seine Mühe hatte mit der Steigung. Vor mir wartete ein Lastwagen und hinter mir reihten sich weitere Lastwagen. Ich schien das einzige Auto unterwegs zu haben. Die Lastwagenfahrer versammelten sich beim vordersten Lastwagen, um sich auszutauschen. Die sind sich längere Wartezeiten gewohnt. Ich beobachtete sie, wie sie sich unterhielten, traute mich aber doch nicht, mich zu ihnen zu gesellen.

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Ein Truck auf dem Dalton Highway

Als es dann endlich weiter ging, begaben sich die Lastwagenfahrer wieder zurück zu ihren Fahrzeugen. Ein Lastwagenfahrer stoppte bei meinem Auto und sagte mir ungläubig:“ Ich kann’s nicht glauben, dass du diese Strasse ganz alleine fährst, du bist eine mutige Frau!“. Rückblickend weiss ich, dass man eine solche Aussage von einem Ortskundigen bestimmt als Kompliment, aber auch als Warnung auffassen sollte…

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Odin auf der „anderen“ Seite des Atigun Pass

Die Fahrt über den Atigun Pass war langsam und unspektakulär. Doch auf der anderen Seite des Atigun Passes verschärften sich die Strassenbedingungen. Es regnete und somit war es ziemlich rutschig und schlammig auf dem Kies. In einer Kurve erlebte ich dann meine erste richtige Schrecksekunde, als ich ins Rutschen und beinahe von der Strasse abkam. Es ging aber alles nochmals gut und ich fuhr in einem gemässigten Tempo weiter, bis zum Galbraith Lake. Dort wollte ich nämlich die Nacht verbringen. Bis man aber zum Galbraith Lake kommt, muss man zuerst noch gefühlte 1000 Schlaglöcher überwinden, Odin tat mir schon etwas leid…

Und so trifft man sich wieder

Die Umgebung beim Galbraith Lake gefiel mir sehr und ich entschloss, eine kleine Wanderung zu machen, zumal sich das Wetter wieder deutlich verbessert hatte. Ich machte ein Spiel, welches ich des Öfteren mache, wenn ich mich Irgendwo im Nirgendwo befinde. Ich suchte mir nämlich einen Hügel in der Landschaft aus und schätze, wie lange es wohl dauert, um dort hin zu kommen. Frohen Mutes ging ich los und erreicht nach ungefähr einer Stunde den Hügel, welche ich mir ausgesucht hatte. Auf dem Hügel stellte ich leider fest, dass ich während meiner Wanderung den Bärenspray verloren hatte. Das war ziemlich doof von mir, denn ich wusste ganz genau, dass sich in diesem Gebiet Bären befanden. Doch wenigstens hatte ich gute Sicht über das offene Gelände. Etwas verärgert über meinen Leichtsinn, machte ich mich auf den Rückweg.

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Die Landschaft um den Galbraith Lake

Ich war doch froh, das Auto schliesslich wieder erreicht zu haben. Wäre irgendwie blöde gewesen, so zu sterben;). Ich hatte genug Abenteuer für heute und entschloss mich, ins Auto zurück zu ziehen, um zu lesen. Was hätte ich auch anderes tun können ohne Bärenspray.

 

Ein Klopfen an mein Autofenster liess mich während dem Lesen aufhorchen und da stand er wieder, Solomon der indische Motorradfahrer. Ich war ihm bereits einen Tag zuvor begegnet und rechnete nicht damit, ihn noch einmal zu sehen. Er bedankte sich bei mir dafür, dass ich ihm bei unserer ersten Begegnung den Anstoss gegeben hatte, um weiter zu fahren, obwohl die Bedingungen nicht ideal waren. Es stellte sich heraus, dass er kurz nach unserem Zusammentreffen auf eine Gruppe Motorradfahrer aus Kalifornien stiess und sich ihnen anschloss.

Nun wollte er mir seine neuen Freunde natürlich vorstellen und lud mich ein, bei ihrem Camp mein Odin zu parken und dort zu campen. Die Motorrad-Gruppe hatte nämlich in der Nähe ihre Zelte aufgestellt und waren über den Tag nach Deadhorse und wieder zurück zum Galbraith Lake gefahren. Mit dem Motorrad ist man definitiv schneller unterwegs, als mit dem Auto.

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Das Camp

Ich hatte irgendwie immer ein komisches Bild von Motorradfahrern. Ich stellte mir etwas ungebildete Männer vor, die den Zug zum Erwachsen werden irgendwann verpasst hatten. Nun musste ich feststellen, dass ich mich mit dieser Vorstellung ziemlich getäuscht hatte und ich mit Abstand die ungebildetste Person in der Runde war. Vom Ingenieur, zum Berufsfeuerwehr-Kommandand bis hin zum Richter waren doch einige sehr anspruchs- und verantwortungsvolle Berufsgruppen vertreten.

Bill & Co. begrüssten mich herzlich und ich fühlte mich von Beginn an wohl in der Gruppe. Wir diskutierten, philosophierten und scherzten den ganzen Abend, während der Whiskey die Runde machte (den Whiskey liess ich aber bleibe, da ich meine Fahrtüchtigkeit nicht unnötig negativ beeinflussen wollte). Ich genoss den Abend in vollen Zügen, obwohl uns die Moskitos beinahe als schwarzer Schwarm um die Köpfe flogen.

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Abhängen mit den coolen Bikern

Doch es kam der Zeitpunkt, um sich schlafen zu legen. Schliesslich war mir klar, dass am nächsten Tag die Fahrt nach Deadhorse bevorstand und diese bestimmt kein Zuckerschlecken sein würde…

Der zweite Tag war nicht weniger ereignisreich, als der erste. Im dritten Teil meiner Geschichte vom Dalton Highway werde ich dir vom besonderen Tag berichten, an dem ich nach einigen Strapazen doch noch mein Ziel, das Arktische Meer erreicht hatte.

4 Gedanken zu “Auf dem Dalton Highway in Alaska zum Arktischen Meer (Teil 2)

  1. Reto Bollhalder

    Cool – es ist schon interessant – gewisse Leute trifft man mehrmals im Leben. Danke für den spannenden Bericht. Wir können die weiteren kaum erwarten.

    Gefällt mir

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