Im (Gold)Rausch des Nordens

Noch nie war ich so weit in den Norden von Kanada und den USA vorgedrungen. Dass dies überhaupt möglich war, hatte ich wohl einzig und allein dem Gold zu verdanken. Das Gold war nämlich der Grund, welcher die Menschen dazumal in den Norden des Yukon lockte und sie unter schwersten Bedingungen Strassen und Siedlungen bauen liess.

 

Dawson City und der berühmt berüchtigte „Sour Toe“

Bereits der Weg nach Dawson City bot mir einen ersten Vorgeschmack des „rauen Nordens“. Starker Regen und unzählige Schlaglöcher machten Odin und mir das Leben schwer. Ich war es mir nach wie vor nicht gewohnt, auf so unebenem Asphalt und Schotterstrassen unterwegs zu sein.

Doch das Wetter wurde besser und schliesslich traf ich bei Sonnenschein in Dawson City ein. Bevor ich zum Haus meiner Gastgeber fuhr, wollte ich noch etwas durch die Stadt schlendern.

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Als echte Goldgräber-Stadt erinnerte mich Dawson City sofort an die alten Westernfilme. Die Regierung hatte verboten, das historische Stadtbild zu verändern. So ist vom Saloon bis zum Krankenhaus alles im Baustiel des „wilden Westens“ gehalten. Wären da nicht die Autos und Touristen, hätte man beinahe das Gefühl, in ein anderes Zeitalter gereist zu sein.

Lange hielt ich mich in der Stadt aber nicht auf. Meine Gastgeber warteten nämlich auf mich. Lisa und ihre zwei Töchter boten mir ihre Couch für die bevorstehende Nacht an.

Bei der Familie angekommen, gab es Abendessen und Lisa verkündete mir, dass sie mit mir noch etwas vor habe. Sie wollte mit mir und ihren Töchtern auf einen Hügel fahren, von dem man über ganz Dawson City und Umgebung blicken kann. Gesagt getan.

Beim Hügel oben angekommen, musste ich Lisa zustimmen. Der Ausblick war echt toll. Von den Goldminen (ja die graben dort heute noch mit riesigen Maschinen nach Gold), über die Stadt, zum Yukon River, bis hin zum „Top of the Wold“ Highway liess ich meinen Blick schweifen.

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Aussicht auf Dawson City

Die Tour zum Aussichtspunkt war aber nicht das Einzige, was Lisa mit mir vor hatte. Am späteren Abend entführte sie mich zu einer Kneipen-Tour durch Dawson. Es gäbe da nämlich eine Spezialität, die ich probiert, oder zumindest gesehen haben muss, erklärte sie mir. Dabei erwähnte sie das Wort „Sour Toe“ (Saurer Zehe). Ich jedoch verstand „Sourdough“ (Sauerteig). Ich hatte so gar keine Vorstellung davon, was mich erwartete. Sauerteig in einer Bar machte keinen wirklichen Sinn. Ich fand mich damit ab, dass mein Englisch noch immer verbesserungswürdig ist und liess mich einfach überraschen.

Erstaunlicherweise hiess der Saloon jedoch tatsächlich „Sourdough“. Was mich in diesem Saloon aber erwartete, war ein „Sour Toe“. Genau, ein „Saurer Zehen“. Und ein „Saurer Zehen“ ist ein abgetrennter Zehen, der einmal einem Menschen gehörte. Bei genauerem Betrachten ist der Zehennagel gut ersichtlich.

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Ein „Sour Toe“

Dieser Menschen-Zehe wurde in den Drink geworfen und der Drink mit dem Zehen hinuntergekippt. Es gab eine Spielregel, um ein Zertifikat dafür zu erlagen. Der Zehen darf nicht heruntergeschluckt werden, muss während dem Trinken aber die Lippen des Trinkwilligen berühren. Und solche Trinkwillige liessen sich schnell finden. Sichtlich schockiert schaute ich dabei zu, wie sich zwei Männer dieser Herausforderung stellten. Ich hatte es aber nicht einmal in Erwägung gezogen, ein solches Zertifikat zu erlangen. Der durch die Konservierung schwarz gewordene Zehen erinnerte mich dann doch zu stark an einen abgefaulten Zehen eines Diabetikers.

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Zum Wohl!

Weiter ging es durch die Stadt und Lisa zeigte mir ein Bild von ihren Urgrosseltern, welches an der Wand einer Bar hing. Ihre Urgrosseltern waren 82 Jahre lang verheiratet und schafften es in das Guinness-Buch der Rekorde. Sie starben im Alter von 101 und 103 Jahren.

Es war Auffallend, dass in den Trinklokalen die Geschichte von Dawson nach wie vor einen grossen Stellenwert hatte. So erzählte mir Lisa die Geschichte von zwei Prostituierten, welche sich in den „goldigen“ Zeiten von Dawson als Rivalinnen gegenüber standen und versuchten, mehr Männer als die andere abzubekommen. Aus einem dieser zwei Freudenhäuser wurde schliesslich eine Bar, die Cocktails mit speziellen Namen anbietet. So kann man dort „Bloomer Remover“, „Spank My Naughty Ass“, oder einen „Blueballer“ bestellen.

Das Highlight des Abends wartete aber noch auf mich. Bei einem Grizzly-Bier im Casino erfreute ich mich an einer echten Cancan Show. Hübsche Tänzerinnen liessen ihre Beine schwingen und eine Sängerin und ein Sänger überzeugten mit ihren tollen Stimmen. Ich war wirklich begeistert!

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Die Tänzerinnen und die Sängerin der Cancan Show

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It’s Show Time!

Während der Show stellte mich Lisa auch einigen ihrer Freunde vor. Es ist nämlich so, dass die Einheimischen hauptsächlich die Mitternachts-Show besuchen. Die Shows um 20 und um 22 Uhr locken dafür mehr die Touristen an. Falls man also den „Locals“ etwas näher kommen möchte, sollte man die Mitternachts-Show besuchen. Es lohnt sich wirklich!

Irgendwann wurde es aber Zeit, nach Hause zu gehen. Ausgelassen machten wir uns auf den Heimweg.

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Nachts um 1:30 Uhr in Dawson City

 

On „Top Of The World“ Highway

Der berühmte Top Of The World Highway war der eigentliche Grund, welcher mich nach Dawson City führte. Mit leichten Nachwehen von der vorherigen Nacht, befand ich mich am nächsten Tag mit Odin auf der Fähre, um über den Yukon River zu gelangen. Auf der anderen Seite wartete eine weitere „Gravel Road“ (Kiesstrasse) auf mich. Das Wetter war herrlich und die Aussicht grandios. Ich hätte mir wohl keinen gebührendere Einreise nach Alaska wünschen können.

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Top Of The World Highway

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Grenzübergang in Sicht

Ich genoss die Fahrt, während das Lied „On Top Of The World“ von Imagine Dragon aus den Musikboxen ertönte. Natürlich sang ich lauthals mit. Ausser dem Highway, Odin und mir gab es nur das weite „Nichts“ und Freiheit pur.

Das weite „Nichts“ liess mich auch darüber nachdenken, was für wahnsinnige Kräfte die Menschen dazumal im Goldrausch aufbrachten, um den Top Of The World Highway durch die Wildnis zu stampfen. Mit reiner Muskelarbeit taten sie das. Ausser Pferden, Maultieren und ihren Händen, hatten sie nicht viele weitere Mittel.

Schliesslich kam ich zur Grenze. Die Grenzbeamten waren freundlich und der Übertritt nach Alaska war problemlos.

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Landschaft in grün, blau und weiss

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Und da bin ich

Sehr beeindruckend war, dass ich kaum in den Staaten angekommen, eine wunderschön geteerte Strasse vorfand. Natürlich traute ich der Sache nicht ganz. So endete der Teer nach geschätzten 10 Meilen und die die Strasse war so schlecht, dass ich während einer ziemlichen Schrecksekunde, Odin beinahe in den nicht vorhandenen Strassengraben gesteuert hätte. Ich weiss nicht genau, wie das Odin geschafft hatte, aber er fuhr bis zum heutigen Tag weiter und auch in der Garage waren keine Schäden sichtbar.

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In Alaska angekommen

Mit dem Glück auf meiner Seite, kam ich schliesslich in Chicken, AK an.

 

Chicken und der nicht enden wollende Goldrausch

In Chicken angekommen, stach mir als erstes ein riesiges Huhn in die Augen. Für mich stellte das Huhn so zusagen ein Sinnbild für das kuriose und eigenwillige Örtchen namens Chicken dar.

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Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

Ich begab mich zu einem Campingplatz, wo ich die kommende Nacht verbrachte. Der Campingplatz bot die Möglichkeit, selbst nach Gold zu schürfen. Das wollte ich ausprobieren.

Ein älterer Herr erklärte mir geduldig wie es geht. Zuerst schaufelt man sich Dreck und Geröll in die Schürfpfanne und hält sie ins Wasser. Durch schwenken und Schütteln im Wasser sinken die „Goldstückchen“ an den Boden der Schürpfanne, da Gold schwerer ist als Dreck und Stein. Die grösseren Steine liegen durch das Schütteln und Schwenken immer oben auf und können so mit den Händen abgetragen werden. Das Material wird so zunehmend feiner. Das feine Material wird dann schliesslich nur noch mit Wasser ausgeschwemmt. Am Rand der Schürfpannen hat es Rillen, die das Gold, es ist so fein wie Staub, auffangen (da es schwerer als alles andere ist). Der Dreck und das Geröll wird mit dem Wasser ausgeschwemmt. Schliesslich befindet sich in der Pfanne nur noch schwarzer Sand und das Gold, welches nun vorsichtig separiert werden muss. Mit einer trockenen Fingerspitze kann man dann das Gold „auflesen“ und in einen kleinen mit Wasser gefüllten Glasbehälter tun. Dieser Ablauf wiederholt man immer wieder. Es braucht mehr Geduld und Durchhaltevermögen, als dass man es sich vorstellt.

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Wo hat sich das Gold versteckt?

Der ältere Mann verliess mich, nachdem er mich in die Kunst des Goldschürfens eingeführt hatte. Kurze Zeit später kam er mit einem jungen Pärchen aus der Schweiz, welches auch Goldschürfen wollte. Ich kam mit Melina und Beni sofort ins Gespräch und wir verbrachten den ganzen Nachmittag zusammen beim Goldschürfen. Gestört wurden wir nur ab und zu von neugierigen Touristen, die sich die Mühe nicht wert waren, um selbst nach Gold zu suchen.

Schliesslich gesellte sich ein weiterer Schweizer zu uns. Er hiess Marc und hatte sich bereits vor mehreren Jahren dem professionellen Goldschürfen verschrieben. In Chicken hatte er sich Land gekauft und baute dort nun sein eigenes Haus. Marc half und gab uns Tipps, um an das Gold zu kommen. Immer wieder musste er mein Gold in der Pfanne retten, da ich es sonst mit dem Geröll einfach weggekippt hätte. Ich musste mich etwas mehr in Geduld üben. Doch mit der Zeit füllte sich mein Glässchen und ich war stolz, mein eigenes Gold gefunden zu haben.

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Wer sieht das Gold?

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Mein Gold

Der Nachmittag verging wie im Flug. Nachdem wir das Goldschürfen beendet hatten, nahm uns Marc mit auf einen Spaziergang, um uns die Umgebung zu zeigen. Er zeigte uns wo früher nach Gold geschürft wurden. Ein riesiges Gebiet wurde dafür umgegraben. Heute erinnern nur noch die vielen Kiesbänke, die sich durch den gesamten Wald ziehen, daran.

Melina und Beni luden mich anschliessend zum Abendessen ein. Marc brachte uns Schweizer Schokolade zum Dessert. Es ist immer wieder schön, während dem Reisen auf andere Schweizer zu treffen.

Irgendwann ertönte ein lauter, ohrenbetäubender Knall. Ich war im ersten Moment geschockt. Marc informierte uns, dass es nun Zeit wäre, in der nahe gelegenen Bar ein Bier trinken zu gehen. In Chicken wird jeden Abend eine Kanone gezündet, um die Leute in die Bar zu locken. In der Bar angekommen, konnten wir bei einem Bier all die Unterhosen, BH’s und Hüte bestaunen, welche von der Decke hingen. Wie bereits erwähnt, Chicken ist in jeder Hinsicht kurios und eigenwillig.

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Bar-Dekoration in Chicken

 

Ohne Erwartungen und ohne mich in irgend einer Form informiert zu haben, trat ich meine Reise in den Norden an. So ware es dann auch nicht erstaunlich, dass so einige Überraschungen auf mich warteten. Gold macht die Menschen vermutlich etwas verrückt, aber dass muss ja nicht unbedingt schlecht sein. Ich jedenfalls hatte riesigen Spass. 

 

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